St. Sebastianus Schützenbruderschaft Liedberg

Glaube, Sitte, Heimat

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start Wissenswertes Wissenswertes Geschichte der Bruderschaft

Geschichte der Bruderschaft

Historisches BildDer Begriff "Bruderschaft" stammt von der Übersetzung des lateinischen Wortes "fraternitas" bzw. "fraternitates" (Mehrzahl). Im Mittelalter wurde damit ein Zusammenschluß von Männern bezeichnet, die eine Gemeinschaft mit unterschiedlichen Zwecken bildeten.

 

Es gab z.B. "fraternitates" gleicher Berufe (später Zünfte genannt), Zusammenschlüsse, die sich mit dem Schützenwesen befassten (später Gilden) oder solche, die sich um rein religiöse und karitative Aufgaben kümmerten. Wie es letztendlich zur Entstehung der christlichen Schützenbruderschaften kam, wurde bis heute nicht ganz geklärt. Am wahrscheinlichsten scheint die Theorie zu sein, daß es vor der Entstehung christl. Bruderschaften patronatslose Gilden gegeben hat, die als Brauchtum den Vogelschuß zunächst mit Pfeil und Bogen und später (etwa ab 1150) mit Armbrust durchführten.

Im 12. Jahrhundert kam es zur Gründung von Scheibenschützengilden und später, im 14. Und 15. Jahrhundert zur Gründung von Sebastianusbruderschaften.

FahneDie weitere Entwicklung ging dahin, daß bestehende Schützengilden sich ein Patronat zulegten und so zu religiös orientierten Schützenbruderschaften wurden. Andererseits nahmen christliche Gebets- oder Pestbruderschaften die charakteristische Tätigkeit des Schützenwesens an.In diese Zeit fällt die Gründung der Glehner Sebastianusbruderschaft - für unsere Bruderschaft nicht ohne Bedeutung. Im Jahre 1415 schlossen sich die Neusser Schützengilden unter dem Patronat des St. Sebastianus zusammen und machten u.a. die Bruderschaftsverpflichtungen wie Gebet, Gottedienst und Opfergabe zu ihren Aufgaben. Daneben übernahmen die Mitglieder soziale Verpflichtungen gegenüber in Not geratenen Mitgliedern. Die anderen Pfarren im Neusser Dekanat folgten dem Beispiel, sodaß die einzelnen Bruderschaften danach entstanden sein dürften. Für Liedberg ist dies insofern von Belang, weil die Liedberger Bürger Miglieder der Pfarre Glehn waren. Dadurch waren auch viele Liedberger Mitglieder der St.-Sebastianusbruderschaft in Glehn, stellten hier sogar Brudermeister und Schützenkönige. P.W. Müller aus Steinhausen war es, der 1856 als letzter Schützenkönigs unseres Ortes in Glehn aufzog.

Am 1.4.1862 folgte dann das entscheidende Ereignis. Liedberg wurde zur Pfarre erhoben. Schnell fanden sich viele Bürger, die in der neuen Pfarre eine Bruderschaft gründen wollten. 13 Liedberger, die zuvor der Bruderschaft Glehn angehörten, trafen sich am 3.2.1864 zu einer vorbereitenden Versammlung, um eine eigene Bruderschaft zu gründen.

Fahne RückseiteAm Freitag, 20.Januar 1865 was es dann soweit. Pfarrer Rütger Josef Goebbels leitete als Präses die Gründungsversammlung. Das Ergebnis der Versammlung, nämlich die Gründung der Bruderschaft, wurde von 63 Brüdern durch ihre Unterschrift bestätigt. In der Präambel der Gründungsschrift (Statut der St. Sebastianus Bruderschaft zu Liedberg) heißt es u.a.:

"Die Bruderschaft soll für die Brüder den Zweck haben, sich gegenseitig durch ein christliches Leben und durch ein moralisches Betragen ein gutes Beispiel zu geben, die christliche Nächstenliebe desto gewissenhafter zu erfüllen und füreinander zu beten. Fernerfort hat die Bruderschaft sich zum Ziele gesetzt, die kirchlichen Festlichkeiten besonders die Prozessionen soweit es angeht zu verschönern."

Eine Maxime, die auch heute noch Bestand hat.

Im Übrigen ist zu erwähnen, daß Franz Beckers zum ersten Brudermeister bestimmt bzw. gewählt wurde.

Aus heutiger Sicht scheint es so zu sein, daß der in der Präambel beschriebene Grundsatz der einzige Vorsatz der Brüder gewesen ist. An das Ausschießen eines Bruderschaftskönig oder gar an das Feiern eines Schützenfestes wurde anscheinend überhaupt nicht gedacht. Erst 4 Jahre später, am 4.10.1868 beschloß man, einen Vogelschuß sowie einen Schützenzug zu veranstalten. Der erste Vogelschuß erfolgte dann im Jahre 1869, und zwar am 17. Mai. Wilhelm Blankertz aus Steinhausen konnte dabei die Königswürde erlangen und beim Schützenfest am 30. Und 31. Mai aufziehen. Interessant ist, daß - sollte der Schützenkönig nicht bereit sein, aufzuziehen - der Umzug und somit das Schützenfest einfach ausfiel.

Fahne2Für die ersten Schützenumzüge standen ein Trommler, ein Pfeiffer und sechs Musiker zur Verfügung, die auch anschließend im Schloß zum Tanz aufspielten.

Probleme entstanden Ende des 19. Jahrhunderts, als viele Mitglieder durch die Mechanisierung der Textilfabriken Ihren Lebensunterhalt durch Heimweberei einfach nicht mehr ausführen konnten, schließlich waren die mechanisch hergestellten Textilien wesentlich billiger. Viele wurden zu dieser Zeit arbeitslos, was natürlich dazu führte, daß niemand bereits war Burderschaftskönig zu werden. Somit fiel relativ oft der Umzug und das Schützenfest aus. Die Bruderschaft beschränkte sich deswegen vielfach auf die in der Gründungsschrift festgelegten Ziele. Das änderte sich zum Beginn des 20. Jahrhundert, als die Löhne stiegen, die wirtschafliche Situation sich verbesserte und die Sozialgesetzgebung fruchtete. Schwung- und hoffnungsvoll ging es in den nächsten Jahren weiter, bis der 1. Weltkrieg über alle einbrach und neben seinen Schrecken für die Bürger auch eine Unterbrechung der außerkirchlichen Tätigkeiten in der Zeit von 1914 bis 1918 der Bruderschaft brachte. Im Jahre 1919 mußte sogar die Generalversammlung aufgrund eines Verbotes durch die Besatzungsmächte ausfallen.

Nach dem Kriege traf man sich am 16.Mai 1920 zur ersten Bruderschaftsversammlung. Sofort wurde eine Neuerung eingeführt. Man beschloß, die Ermittlung des Schützenkönigs zum alten Frühkirmestermin durchzuführen und das Schützenfest selbst am ersten Sonntag im September zu veranstalten. In den Folgejahren kämpften die Menschen mit der immensen Inflation. Der Wert des Geldes dieser Zeit wird durch folgende Zahlen verdeutlicht:

Bilanz des Kassierers Ende 1923:
Einnahmen: 333.522.970 Mark
Ausgabe: 123.980.278 Mark
Verbleiben: 209.542.692 Mark

In den Jahren nach der großen Inflation (Währungsreform am 1.1.1924, 1 Million Mark = 1 RM) boomte die Bruderschaft regelrecht. Die Mitgliederzahl wuchs deutlich auf 120 Mitglieder, was natürlich zu erheblichen Mehreinnahmen, auch durch den Umzug in größere Räumlichkeiten während des Schützenfestes, führte.

So ging's dann weiter, bis die Bruderschaft nach dem Schwarzen Freitag, dem 25.10.1929 und der daraus resultieren Weltwirtschaftskrise wieder in Schwierigkeiten kam. Die Arbeitslosigkeit wurde für viele Liedberger ein schlimmes Schicksal. Aber nicht nur sinkende Einnahmen aufgrund der zurückgehenden Besucherzahlen der Kirmes machten der Bruderschaft in dieser Zeit Schwierigkeiten. Auch die Veränderung der politischen Lage in den 30ern bescherte den Brüdern einige Probleme. Ab Oktober 1935 fingen die Polizeibehörden an, weltliche Feste katholischer Organisationen zu verbieten. Die Bruderschaften wurden aufgefordert, sich zu teilen und zwar in Schützenkompanien zur Pflege des Schießsportes und in Bruderschaften zur Pflege religiöser Tätigkeiten. Da unsere Bruderschaft dies damals ablehnte, durfte sie keinen Vogelschuß und kein Schützenfest ausrichten und mußte sich auf kirchliche Veranstaltungen beschränken. Übrigens - in dieser Zeit wurde eine wichtige organisatorische Veränderung vorgenommen. Der Termin für das Schützenfest wurde auf den 3. Sonntag im August verlegt. Dann folgte der Ausbruch des 2. Weltkrieges, in dem 19 Mitglieder der Bruderschaft ihr Leben lassen mußten. Das Bruderschaftsleben kam während dieser schlimmen Zeit völlig zum Erliegen.

Das offizielle Bruderschaftsleben begann dann am 3.8.1947 mit einer Generalversammlung. Am 17.8. des Jahres ermittelte man dann den ersten König nach dem Krieg. Dieser wurde aufgrund des Schießverbotes per Los ermittlet. Ein letztes Mal war in diesem Jahr die Spätkirmes im September, bevor man ab 1948 den Termin endgültig auf den 3. Sonntag im August verlegte. Durch die Währungsreform gelangte man dan auch an günstigere Voraussetzungen, die miserable finanzielle Lage zu verbessern.